Schulklassengespräche mit Sandra Hammamy

Sterben und Überleben von Flüchtlingen im Mittelmeer

Nächste VA: 25. Mai 2018, 10.30 bis 12.30 Uhr

 

 

 

Die Fortbildung richtet sich an Schulklassen und einzelne Lehrkräfte, die die europäische Flüchtlingspolitk im Unterricht behandeln.

Das zentrale Mittelmeer ist die tödlichste Grenze der Welt. Die europäische Politik nutzt das Sterben, um Flüchtende abzuschrecken und tut nichts für eine humanitäre Lösung der Krise auf dem Mittelmeer. 2016 markiert mit mehr als 4.600 Toten und Vermissten einen traurigen Rekord. Demgegenüber steht eine zivilgesellschaftliche Rettungsflotte, die unermüdlich Leben rettet, wo Staaten und Politik versagen. Darüber berichtet die Referentin, die als Mit-Organisatorin des gemeinnützigen Vereins "Sea Watch" dessen Arbeit bei mehreren Einsätzen begleitete.

Interview mit Sandra Hammamy, Sea Watch

Am 15. November 2017 hat der GEW-Regionalverband Hochschule und Forschung Mittelhessen gemeinsam mit dem Kreisverband Gießen eine Informationsveranstaltung mit dem Titel „Seenotrettung im Mittelmeer: Eine Gießener Aktivistin berichtet“ angeboten. Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse. Sandra Hammamy, Studienkoordinatorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, engagiert sich im Verein Sea-Watch für die Rettung von flüchtenden Menschen aus Seenot. Die GEW überreichte im Anschluss an die Veranstaltung eine Spende an Sea-Watch in Höhe von 300 Euro. Sea-Watch finanziert sich ausschließlich aus Spenden https://sea-watch.org.

Im Vorfeld der Veranstaltung sprachen Janina Grunwald und Carmen Ludwig vom GEW-Regionalverband Hochschule und Forschung Mittelhessen mit Sandra Hammamy. Das Interview ist in der hlz, der Mitgliederzeitschrift der GEW Hessen, erschienen (Heft 11/2017, S. 29).

Du bist Rettungsschwimmerin und seit 2015 ehrenamtlich bei Sea-Watch aktiv. Warum machst du das?

Ich bin Europäerin und möchte in einem Europa leben, in dem Menschen, die vor Krieg, Folter und Terror fliehen, Zuflucht finden und nicht an den Außengrenzen Europas ertrinken müssen, um ihr Recht auf Asyl in Anspruch zu nehmen.

Gerade kommst du aus Malta zurück. Wo wart ihr im Einsatz und wie ist die Situation vor Ort?

Malta ist unser Heimathafen. Dort liegen unsere Schiffe, von dort startet unser Flugzeug. Wir fahren von Malta für jeweils zwei Wochen in das Suchgebiet, 12 bis 24 Seemeilen vor der libyschen Küste, wo wir auf die Schlauchboote treffen, die teilweise tagelang auf dem Meer treiben.

Ihr rettet Leben, wo Staaten und Politik versagen. Nun wird von politischer Seite zunehmend versucht, eure Arbeit auf dem Mittelmeer zu erschweren oder zu kriminalisieren. Alle Hilfsorganisationen sollen einen Kodex unterschreiben ...

Wir haben den Kodex bislang nicht unterschrieben, weil er in vielen Punkten gegen internationales Recht verstößt. Er würde uns verpflichten, bewaffnete Polizisten an Bord zu nehmen, was mit den Grundsätzen unserer humanitären Arbeit nicht zu vereinbaren ist. Gerettete dürften auch nicht mehr von kleineren an größere Schiffe übergeben werden, die nach Italien fahren.

Ein weiteres Problem ist die einseitige Ausweitung der libyschen Hoheitsgewässer Mehrere Hilfsorganisationen mussten ihre Arbeit einschränken. Wie geht ihr damit um?

Die libysche Küstenwache hat ihre Hoheitsgewässer willkürlich und gegen internationales Seerecht von zwölf auf 75 Meilen erweitert und droht, alle Schiffe von Nichtregierungsorganisationen anzugreifen und nach Libyen zu entführen. Dazu setzt die von der EU ausgestattete, finanzierte und ausgebildete libysche Küstenwache auch Schusswaffen ein. Wir wurden mehrmals geentert und beschossen, zuletzt vor vier Tagen. Wir beobachten die Lage sehr genau und wä- gen nach jedem Einsatz ab, wie lange wir noch verantworten können, rauszufahren.

Wie wirkt sich der EU-Türkei-Deal auf eure Arbeit und die Situation der Geflüchteten aus?

Der Türkei-Deal betrifft die Ägäis-Route und damit vor allem Menschen aus Syrien, die über die Türkei auf die griechischen Inseln fliehen. Wir waren von Oktober 2015 bis April 2016 auf Lesbos im Einsatz. Zuerst kamen bis zu 80 Boote täglich dort an. Seit dem Deal schaffen es nur noch vereinzelte Boote, an der türkischen Küstenwache vorbeizukommen. Die Pushbacks, mit denen die türkische Küstenwache Boote aus griechischen Gewässern gewaltsam in die Türkei zurückbringt, sind illegal, werden aber immer wieder dokumentiert.

Im Jahr 2016 gab es mehr als 4.600 Tote und Vermisste auf dem Mittelmeer. Was wäre notwendig, damit das Sterben aufhört?

Das häufig beklagte Schlepperbusiness und das Sterben auf dem Meer könnten sofort beendet werden, wenn es sichere Fluchtwege gäbe.

Wir wollen mit dir zusammen mehrere Veranstaltungen durchführen, um über die Lage der Geflüchteten und die Bedeutung der zivilen Seenotrettung zu berichten. Du arbeitest an der Universität Gießen und unterrichtest Lehramtsstudierende. Warum ist das ein wichtiges Thema für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler?

Lehrkräften kommt eine besondere Aufgabe zu, Jugendliche zu mündigen und toleranten Demokratinnen und Demokraten zu erziehen, die auf der Grundlage von Faktenwissen ihre eigene Meinung vertreten, anstatt populistischen Parolen zu folgen.